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Wie eine alte Holzwerkstatt zur Heimat digitaler Kreativität wurde

By March 26, 2026August 31st, 2026No Comments

Im Herzen des rheinischen Industriegebiets steht seit über fünfzig Jahren eine ehemalige Holzbearbeitungswerkstatt, die nie ganz aus der Mode gekommen ist. Sie hatte ihren Höhepunkt in den 1970er Jahren, als Handwerker hier Türen, Treppen und Möbelstücke schälten, bohrten, schleiften und lackierten. Die Luft war voll von Staub, der Geruch von frischem Holz hing in der Luft, und das Klicken der Sägeblätter war das ständige Gerüst des Tages. Heute ist das Gebäude stiller. Die Sägewerke sind verschwunden. Die Werkzeugkisten sind leer. Doch etwas anderes ist entstanden: eine mittlerweile bekannte Adresse für digitale Künstler, Entwickler und experimentelle Designer – Witten Deel Webseite.

Was hier stattfindet, ist kein klassisches Büro. Kein typischer Tech-Startup-Campus im Stil von Berlin oder München. Vielmehr ist das Projekt ein sorgfältig durchdachtes Gegenstück zu den allgegenwärtigen Glasfassaden und Open-Source-Bürokratien der digitalen Welt. Die Räume sind grob verputzt, die Decken haben Balken aus Eiche, und der Boden knarrt noch genauso wie 1973. Auf dem Flur hängen alte Werkzeugkarten aus den 80er Jahren neben aktuellsten Druckvorlagen für AR-Interaktionen. Was hier passiert, ist die Verschmelzung von materieller Präzision und digitaler Experimentierfreude – und das nicht als Marketing-Image, sondern als alltägliche Praxis.

Warum das ‘Ungereimte’ hier funktioniert

Die meisten digitalen Workshops versuchen, Orte des Produktivitätszuwachses zu schaffen – saubere Linien, weiße Wände, Glasflächen mit Sicht auf den Himmel. Witten Deel macht genau das Gegenteil. Mit all seinen Unebenheiten – den herunterhängenden Kabeln, den abgenutzten Stühlen, dem Pflastersteinboden aus dem Jahr 1965 – schafft es die Werkstatt ein Gefühl von Dauerhaftigkeit. Das Unperfekte wird nicht ausgeblendet; es wird zum Material.

Dies wirkt auf die Menschen in diesem Raum anders als erwartet. Einige Kollegen berichten, dass sie sich beim Arbeiten hier mit schwierigen Projekten schneller auf ihre eigentliche Arbeit konzentrieren können – nicht wegen eines „Meditationsraums“, sondern weil alles andere abgeschaltet ist. Keine ständigen Notifications. Keine Übersichtsplatzierung auf Smartboards. Nur Holz, Licht und einen Tisch mit einem Raspberry Pi davor.

Zwei Monate lang wurde hier ein Prototyp für ein interaktives Museumssystem entwickelt, das durch Bewegungsfelder mit historischen Holzwerkzeugen interagiert – indem seine Bewegungen in 3D-Ausdrucke transformiert werden, die dann im lokalen Museum ausgedruckt werden können. Der Code wurde nicht in einem IDE-Editor geschrieben, sondern in einer vereinfachten Umgebung auf einem alten Monitor mit Monitorstandfuß aus Aluminium.

Was diese Mischung bewirkt

  • Eine reduzierte Ablenkung durch die visuelle Überladung moderner Arbeitsplätze führt zu längerem Fokus bei komplexen Problemlösungen.
  • Die physische Anwesenheit von Materialien wie Holz oder Metall ermutigt zur experimentellen Nutzung von Prototypen außerhalb digitaler Simulationen.
  • Die räumliche Verwurzelung in einer ehmaligen Industriewerkstatt wirkt kulturell anziehend für Teammitglieder aus unterschiedlichen Hintergründen – ein Mix aus Handwerkern und Softwareentwicklern arbeitet an gemeinsamen Projekten ohne Hierarchien.
  • Die Gebrauchsanweisungen der Werkstatt werden als Grundlage für Benutzeroberflächen genutzt – Ableitungen aus Präzisionsmessungen finden sich in der Interface-Design-Philosophie.
  • Die Maskierung von Projektidentität wird durch physische Etiketten auf Kisten und Werkstattplaketten ersetzte: was zählt ist nicht der Name einer Datei, sondern die Hand am Werkzeug.

Manchmal fragt jemand nach dem Ziel dieser Arbeit – doch niemand hat genau definiert, was es am Ende sein soll. Der Prozess selbst ist das Produkt. Und die Werkstatt? Sie ist kein Hintergrund. Sie ist Teil des Werks.